Abwesend, aber implizit

Im Rahmen des Netzwerks für Narrative Praxis versuchen wir, jedes Jahr eine Fortbildung gemeinsam zu besuchen.

In diesem Jahr war es bereits im Januar ein Workshop mit Ken Potter zum Thema „Absent, but implicit“ oder auch zu deutsch „Abwesend, aber implizit“. Diese Formulierung beschreibt, dass wir z.B. Probleme nur wahrnehmen können, weil wir eine Idee von einem Leben ohne das Problem haben. Mir hat noch nie jemand in einer Beratung gesagt „Herr Müller, ich kann nicht fliegen, und es macht mich verrückt!“. Weil die Leute genau wissen, dass das natürlich nicht geht, ist es kein Problem, nicht fliegen zu können. Genau diese Überzeugung macht es übrigens in der lösungsfokussierten Arbeit möglich, die Wunderfrage zu stellen: selbstverständlich können Menschen darauf antworten, ein Leben ohne das Problem ist genau, was sie suchen! Sie müssen die Antwort auf irgendeiner Ebene kennen, sonst hätten sie kein Problem.

In der narrativen Arbeit spielt man noch mehr mit dieser Idee. In vielem was gesagt wird, steckt eine ganze Batterie von Dingen, die nicht direkt ausgedrückt werden, aber die vorhanden sein müssen, um das Gesagte zu sagen. Wer ein Problem identifiziert, hat eine Ahnung vom Leben ohne das Problem. Wer über Frustration spricht, hatte etwas, das ihr am Herzen lag. Wer über Krisen spricht, kennt auch gute Zeiten. Wer über das Aufgeben spricht, kennt auch das Durchhalten bis jetzt.

Insofern haben Worte einen Hintergrund, vor dem sie Sinn ergeben. Über diesen Hintergrund kann man sprechen – aus diesem Hintergrund ergeben sich unsere Fragen, wenn wir Menschen dabei unterstützen wollen, die dominante Geschichte des Problems um weitere Geschichten zu ergänzen und so mehr Platz für Erleben zu schaffen.

Dabei geht es nicht darum, sofort zu wissen „Aha, die Person spricht von Stress, also geht es um Ruhe“. Es geht darum, herauszufinden, was der Hintergrund des Wortes für diese Person ist.

„Ich halte diesen Stress nicht mehr aus!“

In dieser Aussage wären aus der narrativen Sicht viele Einstiegspunkte für Fragen nach dem, was implizit vorhanden ist:

  • Scheinbar hat die Person es schon lange ausgehalten. Wer hat ihr dabei geholfen? Wie hat sie das so lange geschafft? Was war wichtig genug, um es so lange auszuhalten?
  • Die Person hält „diesen Stress“ nicht mehr aus. Was für ein Stress ist das? Wie genau wirkt dieser Stress? Würde sie einen anderen Stress besser aushalten?
  • Sie hält ihn „nicht mehr“ aus – darin liegt implizit eine Veränderung: erst hat sie ihn ausgehalten, jetzt nicht mehr. Was hat sich verändert, sodass sie das jetzt sagt? Ist etwas hinzugekommen? Hat sie etwas verloren?

In einem Gespräch nach diesen Fragen würden wir vermutlich mehr über das Verhältnis und die Geschichte zwischen dem Problem und der Person erfahren. Vielleicht würden Sätze fallen wie:

  • „Ohne meine Partnerin hätte ich schon lange aufgegeben!“
  • „Ich musste ja funktionieren.“
  • „Als Robin geboren wurde, ging es ja gar nicht anders.“
  • „Der Stress frisst mich langsam auf.“
  • „Wenn ich nur wenigstens manchmal richtig Pause hätte!“
  • „Lange dachte ich, es wird irgendwann besser, aber ich habe jetzt eingesehen: wenn ich jetzt nicht die Reißleine ziehe, wird sich niemals etwas verändern.“

Darin sind wiederum bestimmte Dinge implizit, die – und das ist der Punkt – nicht zur Geschichte über den Stress gehören. Darin liegen Geschichten über Partnerschaft und gegenseitige Unterstützung, über Familie und die Liebe zu einem Kind, über eine Arbeitsmoral und Pflichtbewusstsein, ein Wissen über die Wichtigkeit von Erholung und eine Erkenntnis über die eigenen Möglichkeiten, zu handeln. Diese Themen haben alle eine Geschichte, haben Beispiele außerhalb der Stress-Geschichte, sind verbunden mit anderen Menschen und anderen Zeiten. Ein Gespräch darüber stärkt eine andere Geschichte, ein anderes Narrativ über diese Person. Sie kann in diesen Gespräch dann mehr sein als die Person, die den Stress nicht mehr aushält.

Ich habe während der Veranstaltung gedacht, es ist ein bisschen wie eine ZIP-Datei, ein gepacktes Archiv von Dateien, sozusagen ich_halte_das_nicht_mehr_aus.zip. Entpackt man diese Datei, sind darin sehr viele Dateien zu finden – manchmal weitere ZIP-Dateien zum entpacken, manchmal kleine Beispieldateien, manchmal lange Artikel über das was wichtig ist.

Das Netzwerk und Ken Potter (Bild leider ohne Madeleine, die den Workshop organisiert hat)

Das Schwierige ist, bei diesem Entpacken dicht an den Bedeutungen der anderen Person zu bleiben und nicht zu raten (oder gar zu wissen), sowie zu durchschauen, was man alles fragen könnte und welche Frage vielleicht interessant für die andere Person sein könnte.

Der Workshop hat viele Gedanken losgetreten und wird mich noch eine Weile begleiten. Schön! Danke an die Organisatorinnen und anderen Teilnehmenden!