It’s not your model!

Am ifR verfolgen wir mit großem Interesse die Entwicklung der Psychotherapie-Forschung (durchaus mit der Idee, dass viele Erkenntnisse über Psychotherapie auch interessant sind, um andere hilfreiche Gespräche zu verstehen, so wie Beratung oder Coaching).

Klaus Grawe, ein schweizerischer Forscher, hat 4 Phasen der Psychotherapie-Forschung benannt: als erstes ging es um die Legitimation. Ist Psychotherapie überhaupt wirksam? Kann das denn sein, nur reden und Menschen soll es besser gehen? Anschließend ging es um Wettbewerb: welches Verfahren ist denn die beste Psychotherapie, und kurz darauf (in Anlehnung an medizinische Ideen) um die Frage der Verschreibung: welches Verfahren ist am besten für eine bestimmte Störung geeignet?

Die Frage nach dem Wettbewerb und der Verschreibung wird weiterhin beforscht – in unseren Augen ist dies aber weitgehend beantwortet: Psychotherapie wirkt, es wirkt besser als Placebo, und alle Verfahren wirken ähnlich gut, wenn man verzerrende Effekte rausrechnet.

Die tatsächlich interessante Forschung scheint uns die Prozessforschung zu sein: Wie genau wirkt Psychotherapie eigentlich?

Das ist insbesondere interessant, weil sehr verschiedene Ansätze funktionieren, deren Ideen über ihre Wirkung sich gegenseitig widersprechen. Die Lösungsfokussierung kann nicht erklären, wieso Tiefenpsychologie wirkt, die Analyse kann nicht erklären, wieso Verhaltenstherapie wirkt, und die systemische Therapie kann nicht erklären, wieso Gesprächspsychotherapie nach Rogers funktioniert.

Dazu kommt: sogenannte Komponentenstudien, in denen die Wirkmechanismen in Untersuchungen einzeln genutzt oder eben einzeln nicht genutzt werden, finden keinen Unterschied zwischen dem Verfahren mit oder ohne dieser Technik.

Das hat Scott Miller, großer Verfechter von wirksamkeitsorientierter Psychotherapie, zu der Aussage gebracht:

It’s not your model, it’s you!

(Es liegt nicht an deinem Modell, sondern an dir)

Scott Miller hat sich viel mit der Frage der super shrinks beschäftigt, also mit jenen Therapeut*innen, die schlicht besser sind als die anderen. Unabhängig vom Modell gibt es natürlich gute, mittelgute und schlechte Praktiker*innen, und eigentlich ist es die viel spannerende Frage, was die voneinander unterscheidet… (fun fact: wir Therapeut*innen sind nicht gut darin zu bemerken, ob wir gut oder schlecht sind). Zumindest wirft es die Frage auf: Wenn Leute die gleiche Technik verschieden gut anwenden, wenn Therapieverläufe nicht durch die eingesetzte Technik vorherzusagen sind, woran liegt es denn dann, dass es funktioniert?

Ich habe zu diesem Thema neulich ein tolles Video von Barry Duncan gesehen:

Zwei ganz große Aussagen stecken im Video:

  1. Eigentlich nicht überraschend, aber die wichtigste Person im Raum sind die Klient*innen! Aus diesem Grund finden wir es so wichtig, über ihre Ressourcen zu sprechen, ihre Antworten auf Fragen und ihre Perspektiven auf Probleme herauszufinden, anstatt zu denken, unsere eigenen Ideen wären wichtig.
  2. Das wichtigste an der anderen Person im Raum (also Berater*innen, Coaches, Therapeut*innen usw.) ist nicht die Technik, sondern die Person selbst.

Ich komme mit dem Kreisdiagramm im Video nicht optimal zurecht, und habe das Ganze mal in einer eigenen Grafik abgebildet:

Das große Quadrat im schwarzen Rahmen ist die Gesamtheit der Wirkung von Therapie. 86% davon (in  gelb) gehen von den Klient*innen selbst aus!
Der untere Balken (14%) ist der Einfluss des Treatments selbst, und davon sind 36-50% die Allianz (in  blau) sowie 36-57% der Therapeut/ die Therapeutin als Mensch (in grün). Diese Effekte überschneiden sich ein bisschen, was sofort einleuchtet: Wenn es menschlich passt, entsteht Allianz.
Der verbleibende Effekte unten rechts in der Ecke ist der Rest des Treatmenteffekts (in rot), darin also auch die Technik an sich.

Aus diesem Grund sind für uns am ifR zwei Sachen enorm wichtig: Klienten ernstnehmen und eine Haltung entwickeln (statt eine Technik zu lernen).

Wir glauben, Handwerkszeug zu haben ist nicht schlecht. Ein Zimmermann ohne Hammer kann auch nicht viel ausrichten, aber es wäre Unfug zu denken, seine Wirksamkeit hinge am Hammer!

Insofern: Sucht euch ein Werkzeug aus, das gut zu euch als Mensch passt, mit dem ihr gern arbeitet, und das die Klient*innen ernstnimmt und ihre Ressourcen in die Therapie/ Beratung einbringt, investiert in einen guten Draht zu den Menschen, mit denen ihr arbeitet, und dann viel Spaß beim Arbeiten!